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Inventarisierungarbeit im Stadtmuseum Lippstadt

Die Aufgaben eines Museums werden vom Deutschen Museumsbund mit den Begriffen „Sammeln, Bewahren, Dokumentieren/Forschen und Ausstellen/Vermitteln“ umschrieben. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht jedoch meist das Vermitteln, also die Ausstellungen und Kataloge sowie die besonderen Veranstaltungen eines Museums. Beim Gang durch eine Dauer- oder Sonderausstellung erschließt man sich ausgewählte Exponate in neuen, von den Ausstellungsmachern herausgearbeiteten Kontexten. Man gewinnt unerwartete oder eindrückliche, auch emotional ansprechende Einblicke in historische Zusammenhänge, erfährt etwas Neues, staunt, kann Rückschlüsse ziehen auf die eigene Situation, das Gewordensein im lokalen oder persönlichen Umfeld. Durch Führungen oder museumspädagogische Programme wird der Blick für die Ausstellungsziele und Sehweisen von Exponaten weiter geschärft. Eine Ausstellung bedarf kontinuierlicher Vorarbeit, oder anders: Ohne Sammeln, Bewahren und Forschen ist Ausstellen auf professionelle Weise nicht möglich.

Wenn man darüber nachdenkt, die Dauerausstellung des Stadtmuseums Lippstadt zu überarbeiten oder neu zu konzipieren, wenn man darüber hinaus möchte, dass die Ziele der Museumsarbeit überdacht werden, setzt das nicht nur die genaue Kenntnis der Museumsbestände voraus, sondern auch die Beantwortung der Frage, was eigentlich weiter gesammelt werden soll. Die wissenschaftliche Dokumentation der Bestände des Stadtmuseums wurde unter der Leitung von Dr. Pötter schon vor einigen Jahren begonnen. Das ganze Ausmaß der Aufgabe war da noch nicht abzusehen.

Das Stadtmuseum Lippstadt bewahrt unzählige Exponate, die dem Besucher in der Dauerausstellung nicht zugänglich sind. Die genaue Zahl wird man erst wissen, wenn man jede Truhe geöffnet und jede Ecke des Magazins von Grund auf bearbeitet hat. Was man vorfindet, ist häufig eine freudige Überraschung, löst aber auch viele Fragen aus. Niemand weiß so ganz genau, was in der Zeit seit der Museumsgründung als Kreisheimatmuseum gesammelt wurde. Es gibt sogenannte „Eingangs-„ oder „Inventarbücher“. Darin wurde beim Ankauf eines Exponats oder bei der Annahme einer Schenkung notiert, was wann von wem ins Museum gekommen ist. Die Einträge sind unterschiedlich ausführlich. Wenn der Neuzugang ein „Tisch“ war, so ist die Begriffsansetzung „Tisch“ als Objektbezeichnung für das Exponat richtig - es ist ein Tisch - aber wie soll man diesen Tisch wiederfinden? Welcher ist es und wo befindet er ist?

Im besten Fall ist die Zugangsnummer, die im Eingangsbuch zu diesem Tisch verzeichnet ist, auch am Tisch zu finden. Vielleicht liegt ein Zettel mit der Nummer in der Schublade oder die Nummer ist unter die Tischplatte gemalt worden. In der Praxis ergeben sich hier bereits erste Schwierigkeiten. Manche Schrift ist verblasst, Klebeetiketten sind abgefallen. Während in den 1920er Jahren, in der Gründungsphase der westfälischen Heimatmuseen vieles vom  Arbeitsstil des Museumspersonals abhängig war, so gibt es heute Standards der Museumsarbeit. Inventarnummern werden auf bestimmte, das Objekt nicht schädigende aber dauerhaft haltbare Art aufgebracht. Exponate werden auf bestimmte Weise bezeichnet und beschrieben, Eingangsbücher unter Eintragung bestimmter Grundinformationen geführt.

Die Aufgabe im Stadtmuseum Lippstadt besteht darin, die Bestände Exponat für Exponat aufzuarbeiten, die vorhandenen Informationen zusammenzuführen und mit einer Museumssoftware zu erfassen. Weiß man, was man hat, kann man das Museum profilieren, Alleinstellungsmerkmale finden. Gibt es Themen mit Anknüpfungspunkten für die Zivilgesellschaft heute? Was hat sie uns zu sagen, die Kultur von gestern? Was sagt sie uns über uns? Es geht auch um konkrete Fragen an den Bestand, die den Alltag der Museumsarbeit bestimmen: Wo lagert der hellblaue Bollerwagen? Ist die Flohfalle bereits in einem Katalog publiziert oder gibt es Literatur dazu? Existieren Fotos von Schulklassen der Wilhelmschule? Sind Dinge aus der Zeit des Ersten Weltkriegs im Bestand? Haben wir Porzellan mit Jugendstil-Dekor? Gibt es Textilien, die gefährdet sind und restauriert werden sollten? Welche Exponate sind direkt auf den lokalen Bauernhöfen angekauft worden? Welche Puppenstube stammt aus dem Besitz von alteingesessenen Lippstädter Familien?

Damit eine Dokumentation Antworten auf diese Fragen geben kann, bedarf es einer großen Dokumentationstiefe. Viele Datenfelder müssen nach gleichen Regeln ausgefüllt werden. Pflichtfelder sind bei der Dokumentation in Lippstadt:

Inventarnummer, Objektbezeichnung, Kurzbeschreibung, Maße, Material, Technik, Anzahl Teile, Datierung, Epoche, Kennzeichnung / Beschriftung, Hersteller, geografischer Bezug, Standort, Bestand, Zugang (von wem, wann, welcher Kaufpreis), Zustand, Katalogtext, Abschrift des Eintrags im Inventarbuch, Literatur zum Exponat, Wert, Schlagwort/Systematik.

Im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre wurde die Spielzeugsammlung dokumentiert, die im oberen Geschoss des Stadtmuseums abgebaut werden musste. Besucher dort hätten durch Erschütterungen und Schwingungen die historischen Stuckdecken darunter, im ersten Obergeschoss, gefährden können. Die Exponate wurden aus den Vitrinen genommen, fotografiert, vermessen, wissenschaftlich eingeordnet und beschrieben, vorhandene Informationen, z.B. aus dem Inventarbuch oder alten Publikationen wurden zusammengeführt. Ein Teil der Sammlung ist nun in der Galerie im Rathaus zu sehen, der Rest der Sammlung wurde sachgerecht verpackt und eingelagert und steht für weitere Sonderausstellungen bereit. Im Zuge der Ausstellungsvorbereitung sind dem Museum Exponate geschenkt worden. Es handelt sich um Spielzeug aus dem Besitz derer, die damit in Lippstadt und Umgebung gespielt haben. Auch eine Erzieherin ist ins Museum gekommen und hat ihre in der Ausbildung gebastelten Spielzeug-Musterstücke dem Museum geschenkt. Sie hat von ihrer Ausbildungszeit berichtet. In den 1950er Jahren habe man gelernt was man mit Kindergartenkindern spielt, aber auch wie das Spielzeug dafür selbst herzustellen sei.

Deutlich wurde bei der Bearbeitung der Neuzugänge, dass man das Sammlungskonzept für Lippstadt weiter profilieren kann. Hochgradig spannend war die Dokumentation nämlich dann, wenn die Gelegenheit bestand, mit dem Hersteller des Exponats oder dem Menschen, der es selbst benutzt hat, zu sprechen. Ein Schwerpunkt weiterer Sammlungstätigkeit könnte daher sein, Exponate für das Museum zu gewinnen, die eindeutig der lokalen Kultur zuzuordnen sind und zu denen Kontextinformationen des Gebrauchs in Lippstadt bei Zeitzeugen erfragt werden können.

Wie spannend diese Geschichten des Umgangs mit den Dingen sind, das haben die Interviews gezeigt, die im Vorfeld der Spielzeugausstellung mit Lippstädtern und Lippstädterinnen geführt wurden. Die Dinge wurden zum Leben erweckt, das Spielzeug veranschaulichte ein Stück des Alltags einer bestimmten Zeit. Da berichtet eine 1928 in Verlar geborene Frau über das Spielen draußen: „Wir haben mit anderen Kindern auf der Straße gespielt, Brummküsel. Dann hatten wir einen Stock, da war einfach ein Bindfaden dran und damit jagten wir den Brummküsel über die Straße. Es war so viel Platz da, wir wohnten wirklich an der Durchgangsstraße, aber es waren ja keine Autos da.“

Ein 1939 geborener Lippstädter erzählt im Museum „Bollerwagen, das waren die Lastwagen für uns. Die Deichsel konnte man zurückklappen, dann haben wir uns da reingesetzt und mit den Füßen abgetreten und mit einer Hand dann gelenkt. Die waren also wirklich dann das, was man heute Bobby-Car nennt.“

Ein Museum ist auch ein Sacharchiv, das späteren Generationen eine Sammlung vorhält, die Antworten birgt für immer wieder neue Fragen an die Vergangenheit. Je mehr Informationen zu einem Exponat verzeichnet werden, desto besser. Heute jedenfalls lassen sich die Fragen der nachfolgenden Generationen an die Geschichte noch nicht erahnen.

Unsere aktuellen Fragen nach Herkunft und Zukunft ? sie bestimmen den Leitgedanken eines zeitgemäßen Museumskonzeptes.

Dr. Christine Schönebeck (freie Mitarbeiterin am Stadtmuseum Lippstadt)

So ein Circus!

Die alte „Deutsche Schrift“ ist vielen noch unter der Bezeichnung „Sütterlin“ bekannt, und Ältere können sie auch noch lesen. Die Fähigkeit nimmt allerdings leider immer mehr ab. Ein Zufallsfund in einer Akte des Stadtarchivs (St.R. E 203) zeigt aber, welche Schwierigkeiten schon in früherer Zeit mit der Deutschen Schrift verbunden waren.

1894 schreibt Mayer’s Grosser amerikanischer Circus u. a. an den Bürgermeister von Lippstadt und bietet an, seine Vorstellung auch hier zu präsentieren. Der General-Geschäftsführer David J. Block betont, sein Circus sei „der grösste reisende dieser Art“. Man komme „mit einem Personal von 150 Personen, darunter Artisten ersten Ranges und von allen Nationen; 26 Pracht- und Transportwagen, 120 Rassepferden, Elephanten, Kameele, Dromedare etc. etc.“ Mr. Block gibt dann auch, nicht ohne Stolz, eine ganz besondere Referenz an: „I. M. [= Ihre Majestät] die Königin Victoria von England beehrte am 1. Juni 1893 unseren Circus durch hochderen Besuch.“

Viel wichtiger als die Angaben zum Programm des Circus oder seiner Qualität ist hier eine kleine Bemerkung am Ende des Schreibens: „Bitte Ihre Antwort gefl. [= gefälligst, im Sinne von: freundlicherweise] in latein. Buchstaben schreiben zu wollen.“ Hier wird deutlich, was die deutsche Sonderentwicklung in der Schriftgeschichte in der internationalen Kommunikation bedeutete. Amerikaner etwa, aber auch alle Anderen jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches konnten die Deutsche Schrift nicht lesen.

Interessanterweise sind die handschriftlichen Eintragungen in dem überwiegend gedruckten Schreiben von Mayer’s Circus in deutscher Schrift geschrieben! Das Dokument trägt das Datum „Gotha, 13. August 1894“. Der Circus war also bereits auf Tournee im Deutschen Reich unterwegs und hat dort jemanden gefunden, der das Anschreiben an die Bürgermeister anderer Städte in der hier gebräuchlichen Schrift verfasste.

Trotz aller Bemühungen um die schriftliche Verständigung ist es offensichtlich nicht zu einem Gastspiel des Circus hier in Lippstadt gekommen. In der Zeitung steht jedenfalls nichts darüber. Aber immerhin wirft das Ganze ein interessantes Schlaglicht auf die Geschichte der „Deutschen Schrift“.

Dr. Claudia Becker, Stadtarchiv Lippstadt

Baugeschichte des Schlosses Overhagen - von Dr. Reinhold Schneider, Mitglied des Beirates

Wann erstmals eine adelige Familie auf dem Gelände des heutigen Schlosses wohnte, ist nicht bekannt. Die erste urkundliche Erwähnung eines Tiemo, der als Villicus in Overhagen lebte, fällt in das Jahr 1235, die Familie dürfte jedoch schon länger hier gewohnt haben. Außer dieser einen Erwähnung gibt es keine Nachrichten zum mittelalterlichen Bestand des Hauses, dessen Reste sich vermutlich noch immer unter dem Hof vor der Schauseite des Schlosses befinden. Erst nach dem Ende des Mittelalters - das “Schloss” war inzwischen in den Besitz der Familie von Schorlemer übergegangen - gibt es Hinweise auf den eigentlichen Schlossbau. Das Haupthaus soll laut einer Inschrift über dem Eingang im Jahre 1619 errichtet worden sein. Dieses Baudatum wurde jedoch erst beim Umbau des Risalits im Jahre 1735 angebracht, so dass es fraglich ist, ob das Datum tatsächlich stimmt.  Denn schon 1622 wurde das Haus als “neues Schloss” bezeichnet. Wäre der Bau tatsächlich erst 1619 begonnen worden, hätte er keine drei Jahre gedauert, was für ein Herrenhaus in einer Zeit, in der solche Bauvorhaben üblicherweise mehr als ein Jahrzehnt umfassten, ungewöhnlich kurz gewesen wäre. Zudem bildet das Schloss in Overhagen den östlichen Abschluss einer ganzen Reihe ähnlicher Schlösser, die sich beginnend in Gelsenkirchen Horst entlang der Lippe aufreihen. Alle diese Schlösser entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wurden unter der Leitung von Laurenz Brachum dem Älteren errichtet. Da die Bauformen in Overhagen bruchlos in diese Tradition passen, ist davon auszugehen, dass auch dieses Schloss älter ist als bisher vermutet. Wahrscheinlich entstand der Bau, nachdem Mauritz von Schorlemer das Anwesen im Jahre 1592 von seiner Schwägerin übernommen hatte.

 

Die gesamte Anlage wurde auf zwei Inseln errichtet, die von regelmäßigen, 1724 in ihrer heutigen Form geschaffenen Gräften umgeben sind, die ihr Wasser aus der Gieseler beziehen. Den ältesten heute noch erhaltenen Teil des Schlosses bildet das Haupthaus, dessen Hofseite  die für Brachum den Älteren so typischen Ziermotive zeigt. Brüstungs- und Sturzgesimse verleihen der Fassade ihre stark horizontale Gliederung und fassen die Fenster zu langen Fensterbändern zusammen. Ein flaches Relief überzieht die gesamte Fassade mit Rauten, Quadraten und Kreisen und füllt so die Bereiche zwischen den Gesimsen fast vollständig aus. Die geometrischen Formen zwischen den Fenstern sind zudem noch mit Masken oder Diamantquadern gefüllt, die man auch schlußsteinartig in den Entlastungsbögen über den Fenstern findet. Insbesondere die Vielzahl unterschiedlicher Tier- und Menschenköpfe mit ihren zum Teil stark fratzenartigen Verzerrungen machen die Besonderheit der Fassadenzier des Hauses aus, die durch den schlichten, 1735 errichteten barocken Mittelrisalit in ihrer Einheitlichkeit gestört ist.

 

Die langgestreckten Ökonomiegebäude, die heute die südliche Insel mit der Hauptzufahrt zum Schloss zu beiden Seiten flankieren, wurden um 1718 von Hermann Werner von Schorlemer und seiner Frau Antonia Christiane von Brabeck zu Hemmeren errichtet. Der barocke Ausbau der Grabenanlagen erfolgte bis 1724 unter der Leitung eines Peter Pictorius, der möglicherweise ein Verwandter des bekannten Baumeisters Gottfried Laurenz Pictorius war. Zunächst wurden auf der Vorburg drei Gebäudetrakte errichtet. Zwischen den noch heute vorhandenen eingeschossigen Bruchsteingebäuden, deren einzige Bauzier die Sandsteinlaibungen der Fenster und Türen sind, befand sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts noch ein dritter Gebäudeflügel. Dieser zweigeschossige Bau diente als Torhaus und schloss die Gesamtanlage zum Dorf hin ab.

 

1735 bis 1749 ließ derselbe Hermann Werner von Schorlemer das Haupthaus weitgehend umbauen. Der in der Mitte der Hauptfassade befindliche Risalit wurde zum Hof hin weiter vorgezogen und mit einem neuen Hauptportal versehen. Dahinter errichtete man ein neues Treppenhaus, das man mit neuen Stuckdecken versah, die noch immer vorhanden sind. Gleichzeitig entstand auch die Inneneinrichtung des großen Saales im Erdgeschoss und der Kapelle im südlichen Turm. Die Raumstruktur des Hauses wurde wohl auch zu dieser Zeit weitgehend verändert. Heute verfügt das Gebäude über zwei Zimmerfluchten entlang der Traufseiten. Alle Räume sind durch Türen verbunden, die den Durchblick durch die ganze Gebäudetiefe ermöglichen. Diese sogenannte Enfilade ist ein typisches Gliederungselement barocken Bauens und dürfte daher in ihrer heutigen Form auch 1735 entstanden sein. Auch die Verbindungsbrücken zwischen den Inseln wurden zu dieser Zeit neu errichtet. Den Abschluss dieser umfangreichen Neuausstattung mit barocken Decken, Wandverkleidungen und Böden bildet die neue Stuckdecke im Rokokosaal, die 1749 hier eingebaut wurde. Die Decke wird durch einen Unterzug in zwei Teile untergliedert. Das rechteckige Deckenfeld zum Hof ist der Jagd und dem Krieg gewidmet. Es zeigt in einer von Ohrmuschelwerk, Pflanzenranken und Rosen verzierten Rocaille den römischen Gott des Handels Mercur mit seinem Schlangenstab. In den vier Ecken findet man Darstellungen der römischen Götter Mars (Kriegsgott), Justitia (Gerechtigkeit), Diana (Jagd) und Neptun (Meer/Seefahrt). Dazwischen befinden sich unterschiedliche Jagd- und Fabelszenen. Das zweite Deckenfeld zeigt in der Mitte Ceres, die römische Göttin des Ackerbaus. Die Bilder am Rand der Decke zeigen dementsprechend ländliche Szenen, die sich mit Acker- und Gartenbau beschäftigen.

 

Weitere Veränderungen am Haus wurden erst im 19. Jahrhundert vorgenommen. 1835 wurde wiederum ein neues Treppenhaus eingebaut, das bis heute vorhanden ist. 1840 wurden die Plastiken auf den Brückenpfeilern aufgestellt. 1850 riss man das alte Torhaus und die Mühle ab, die im folgenden Jahr 1851 neu errichtet wurde und sich bis heute am Ort nordwestlich des Haupthauses befindet. Zu dieser Zeit wurde auch dem 1735 errichteten Risalit ein neuer Giebel aufgesetzt, dessen Voluten, Schuppenbänder und Obelisken an die Originalbauzeit erinnern sollen. Gleichzeitig wurde auch das gesamte Dach erneuert. Die Dachfläche wurde höhergelegt und die Traufe mit einem breiten Fries aus Ziegeln erhöht, der noch heute in seinem seltsamen Kontrast zur ansonsten verputzten Fassade des Hauses seht.

 

Das Haus diente bis zum Zweiten Weltkrieg der Familie von Schorlemer als Wohnsitz. 1945 zogen die Hedwigschwestern ein und betrieben hier bis 1959 ein Kinderheim und eine Volksschule. Nachdem das Haus von 1959 bis 1962 leer gestanden hatte, wurde hier das noch heute bestehende Gymnasium Schloss Overhagen eröffnet.

 

Informationen zur Tagesexkursion am 8. September 2012 nach Bad Driburg

Bad Driburg - Herausforderungen der Stadtentwicklung

Wie stellt sich eine über 700 Jahre alte, ländlich geprägte Kleinstadt, die auch Kurort ist und in der Nähe der Großstadt Paderborn liegt, den Herausforderungen des demographischen Wandels und den veränderten Wohn- und Wirtschaftsstrukturen der Gegenwart?

Welche konzeptionellen Planungen werden erstellt, welche Leitbilder entwickelt, welche Anstrengungen in der Gestaltung des Stadtbilds unternommen, um den strukturellen Widrig?keiten des ländlichen Raums zu begegnen, deren Nachteile vielleicht sogar in Vorteile umzumünzen?

Diesen Fragen soll im Rahmen einer Tagesexkursion nach Bad Driburg nachgegangen werden. An ausgewählten Stationen vor Ort, die allesamt auch touristische Highlights sind (im Jahre 2008 wurde Bad Driburg als bester Touristikstandort in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet!), werden beispielhaft die Stadtentwicklung Bad Driburgs dargestellt und mögliche Zukunftskonzepte aufgezeigt.

Die Leitung der Fahrt hat Hermann Großevollmer, der in Bad Driburg wohnt und dort ehren?amtlicher Stadtheimatpfleger ist.

Hermann Großevollmer ist außerdem gebürtiger Lippstädter und seit einiger Zeit Mitglied des Beirats des Heimatbundes (die Red.).

Dr. Reinhold Schneider, Lippstadt: Neues zur Geschichte des Stadtmuseums (Teil 2)

(Fortsetzung des Beitrags in Mitteilungen Nr. 20 vom Nov. 2010)

Der mittlere, älteste Bauteil war bis 1958 durch einen kreuzförmigen Flur in vier Teile unterteilt. Eine Zeichnung von Marie Steinbecker zeigt einen Blick nach Norden. Rechts ist noch der 1958 verkleinerte Kamin zu sehen, im hinteren Teil die heutige, ursprünglich für die Dienstboten errichtete Treppe und links daneben befindet sich noch ein Raum, der inzwischen dem Foyer zugeschlagen wurde.

Die Bel Etage wurde 1770 vollständig umgestaltet. Lediglich eine ältere Querwand, die zur Aussteifung des Gefüges notwendig war, blieb erhalten und weist noch heute auf die Dreiteilung des Hauses hin. Alle anderen Wände wurden erst 1770 errichtet, um die heutige Raumgliederung zu schaffen.

Die Räume im nördlichen und mittleren Teil der Bel Etage wurden 1770 mit aufwendigen Stuckdecken versehen, die wohl als Werkstattarbeit der Gebrüder Metz aus Attendorn anzusehen sind, die nach 1767 die Jesuitenkirche in Büren ausgestattet haben. Das aufwendige Programm der Decken weist zwar auf einen künstlerisch versierten Stuckateur hin, die Ausführung ist jedoch im Vergleich zum Stuck der Bürener Jesuitenkirche weitaus weniger filigran und somit wohl nicht vom Meister selbst ausgeführt worden. Der Stuck in den Repräsentationsräumen des mittleren und nördlichen Bauteils weist eine einheitliche Formensprache auf. Alle Räume zeigen ein aufwendig gestaltetes Mittelfeld mit fast vollplastischen Rocaillen und Blüten- oder Blattranken. Die umlaufenden Stuckprofile sind je nach der Größe der Räume an den Ecken oder zusätzlich in der Mitte der Längswände unterbrochen. Sie gehen in fließenden Übergängen in vollplastische Ranken und Rocaillenfelder über. Dies zeigt deutlich den Formwillen des Rokoko mit der Auflösung der strengeren geometrischen Form in naturalistisch überhöhtes Rankenwerk.

Im Gegensatz zu den gleichartigen Decken im mittleren und nördlichen Teil der Bel Etage zeigt die Decke im südwestlichen Raum ein leicht verändertes Formempfinden. Hier sind die Ranken nicht länger vollplastisch, sondern flacher an die Decke stuckiert. Außerdem lösen sich hier die Profilrahmen der Decke und der so im übrigen Haus nicht zu findenden Medaillons nicht mehr in Rankenwerk auf, sondern bilden geschlossene Formen, die lediglich von wenigen Ranken überformt werden.

Diese Form der Deckenstuckierung weist schon deutlich in eine spätere Zeit, das Biedermeier. Möglicherweise ist diese Decke erst beim Umbau nach 1828 stuckiert worden, in der auch die übrigen Decken des südlichen Bauteils ihre Stuckprofile erhielten.

Durch die vollständige Umgestaltung des Obergeschosses zu Repräsentationsräumen entstand 1770 offensichtlich die Notwendigkeit, zusätzlichen Lagerraum zu schaffen. So wurde nach der Verlängerung des Hauses nach Süden dem Gebäude ein flacheres Speichergeschoss aufgesetzt. Wie eine dendrochronologische Probe zeigte, wurde das gesamte Geschoss ab 1828 vollständig umgebaut. Erst zu diesem Zeitpunkt entstanden die heutigen Trennwände, die alle nur auf die Deckenbalken über den Stuckdecken des Obergeschosses aufgestellt wurden und in keinem Bezug zur Raumstruktur des unteren Geschosses stehen. Aus Teilen anderer Treppen wurde die heutige einläufige Treppe eingebaut. Bauherr war Arnold Meuser, der das Haus 1799 von den Erben Roses erworben hatte und es nun dem Zeitgeschmack des frühen 19. Jahrhunderts anpasste.

Wie die aufwendigeren Stuckprofile an den Decken der Räume im nördlichen Teil zeigen, wurden hier Wohnräume gehobenen Standards eingebaut. Die Räume im mittleren und südlichen Teil wurden zwar auch verputzt, aber nur mit einfachen Stuckvouten versehen und dienten wohl als einfachere Wohnräume möglicherweise für Dienstboten. Alle Flure erhielten eine farbige Fassung in Form unterschiedlich aufwendig gestalteter Rahmen und Begleitstriche, die fast vollständig unter dem heutigen Putz erhalten blieben.

Das Dachwerk besteht aus 16 Vollgespärren mit einer ungewöhnlichen Zählung des Abbundes (Jedes Gespärre erhält auf dem Abbundplatz eine Zahl, damit der Zimmermann weiß, welche Hölzer wohin kommen sollen). So sind alle Balken mit einer Zählung versehen, die am nördlichen Giebel mit I beginnt und an einem Versprung, der den Beginn des südlichen Anbaus markiert, mit X aufhört. Südlich davon beginnt die Zählung neu mit I und endet am südlichen Giebel mit IIII. Trotz dieser Unterschiede in Abbund und Verzimmerung brachte eine dendrochronologische Untersuchung die Erkenntnis, dass das gesamte Dachwerk in einer Bauphase wohl 1769/70 errichtet worden ist.

Die Räucherkammer und die Treppen zum Dachraum und Spitzboden wurden beim Umbau des zweiten Obergeschosses 1828 hier eingebaut. Zu dieser Zeit sind wahrscheinlich auch die Halbwalme entstanden, die auf dem 1776 von Roscher gezeichneten Plan, der das Haus kurz nach der durchgreifenden Renovierung 1770 zeigt, noch nicht vorhanden sind.

Zwar sind noch immer einige Fragen offen, die während eines möglichen Umbaus noch geklärt werden können. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das Palais Rose fast vollständig ein Repräsentationsbau des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit kleineren Veränderungen aus dem 19. Jahrhundert ist. Die technischen Probleme zu schildern, die diese Umbauten noch heute verursachen, würde den Rahmen sprengen und wird an anderem Ort ausführlich geschehen.

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