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So ein Circus!

Die alte „Deutsche Schrift“ ist vielen noch unter der Bezeichnung „Sütterlin“ bekannt, und Ältere können sie auch noch lesen. Die Fähigkeit nimmt allerdings leider immer mehr ab. Ein Zufallsfund in einer Akte des Stadtarchivs (St.R. E 203) zeigt aber, welche Schwierigkeiten schon in früherer Zeit mit der Deutschen Schrift verbunden waren.

1894 schreibt Mayer’s Grosser amerikanischer Circus u. a. an den Bürgermeister von Lippstadt und bietet an, seine Vorstellung auch hier zu präsentieren. Der General-Geschäftsführer David J. Block betont, sein Circus sei „der grösste reisende dieser Art“. Man komme „mit einem Personal von 150 Personen, darunter Artisten ersten Ranges und von allen Nationen; 26 Pracht- und Transportwagen, 120 Rassepferden, Elephanten, Kameele, Dromedare etc. etc.“ Mr. Block gibt dann auch, nicht ohne Stolz, eine ganz besondere Referenz an: „I. M. [= Ihre Majestät] die Königin Victoria von England beehrte am 1. Juni 1893 unseren Circus durch hochderen Besuch.“

Viel wichtiger als die Angaben zum Programm des Circus oder seiner Qualität ist hier eine kleine Bemerkung am Ende des Schreibens: „Bitte Ihre Antwort gefl. [= gefälligst, im Sinne von: freundlicherweise] in latein. Buchstaben schreiben zu wollen.“ Hier wird deutlich, was die deutsche Sonderentwicklung in der Schriftgeschichte in der internationalen Kommunikation bedeutete. Amerikaner etwa, aber auch alle Anderen jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches konnten die Deutsche Schrift nicht lesen.

Interessanterweise sind die handschriftlichen Eintragungen in dem überwiegend gedruckten Schreiben von Mayer’s Circus in deutscher Schrift geschrieben! Das Dokument trägt das Datum „Gotha, 13. August 1894“. Der Circus war also bereits auf Tournee im Deutschen Reich unterwegs und hat dort jemanden gefunden, der das Anschreiben an die Bürgermeister anderer Städte in der hier gebräuchlichen Schrift verfasste.

Trotz aller Bemühungen um die schriftliche Verständigung ist es offensichtlich nicht zu einem Gastspiel des Circus hier in Lippstadt gekommen. In der Zeitung steht jedenfalls nichts darüber. Aber immerhin wirft das Ganze ein interessantes Schlaglicht auf die Geschichte der „Deutschen Schrift“.

Dr. Claudia Becker, Stadtarchiv Lippstadt

Baugeschichte des Schlosses Overhagen - von Dr. Reinhold Schneider, Mitglied des Beirates

Wann erstmals eine adelige Familie auf dem Gelände des heutigen Schlosses wohnte, ist nicht bekannt. Die erste urkundliche Erwähnung eines Tiemo, der als Villicus in Overhagen lebte, fällt in das Jahr 1235, die Familie dürfte jedoch schon länger hier gewohnt haben. Außer dieser einen Erwähnung gibt es keine Nachrichten zum mittelalterlichen Bestand des Hauses, dessen Reste sich vermutlich noch immer unter dem Hof vor der Schauseite des Schlosses befinden. Erst nach dem Ende des Mittelalters - das “Schloss” war inzwischen in den Besitz der Familie von Schorlemer übergegangen - gibt es Hinweise auf den eigentlichen Schlossbau. Das Haupthaus soll laut einer Inschrift über dem Eingang im Jahre 1619 errichtet worden sein. Dieses Baudatum wurde jedoch erst beim Umbau des Risalits im Jahre 1735 angebracht, so dass es fraglich ist, ob das Datum tatsächlich stimmt.  Denn schon 1622 wurde das Haus als “neues Schloss” bezeichnet. Wäre der Bau tatsächlich erst 1619 begonnen worden, hätte er keine drei Jahre gedauert, was für ein Herrenhaus in einer Zeit, in der solche Bauvorhaben üblicherweise mehr als ein Jahrzehnt umfassten, ungewöhnlich kurz gewesen wäre. Zudem bildet das Schloss in Overhagen den östlichen Abschluss einer ganzen Reihe ähnlicher Schlösser, die sich beginnend in Gelsenkirchen Horst entlang der Lippe aufreihen. Alle diese Schlösser entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wurden unter der Leitung von Laurenz Brachum dem Älteren errichtet. Da die Bauformen in Overhagen bruchlos in diese Tradition passen, ist davon auszugehen, dass auch dieses Schloss älter ist als bisher vermutet. Wahrscheinlich entstand der Bau, nachdem Mauritz von Schorlemer das Anwesen im Jahre 1592 von seiner Schwägerin übernommen hatte.

 

Die gesamte Anlage wurde auf zwei Inseln errichtet, die von regelmäßigen, 1724 in ihrer heutigen Form geschaffenen Gräften umgeben sind, die ihr Wasser aus der Gieseler beziehen. Den ältesten heute noch erhaltenen Teil des Schlosses bildet das Haupthaus, dessen Hofseite  die für Brachum den Älteren so typischen Ziermotive zeigt. Brüstungs- und Sturzgesimse verleihen der Fassade ihre stark horizontale Gliederung und fassen die Fenster zu langen Fensterbändern zusammen. Ein flaches Relief überzieht die gesamte Fassade mit Rauten, Quadraten und Kreisen und füllt so die Bereiche zwischen den Gesimsen fast vollständig aus. Die geometrischen Formen zwischen den Fenstern sind zudem noch mit Masken oder Diamantquadern gefüllt, die man auch schlußsteinartig in den Entlastungsbögen über den Fenstern findet. Insbesondere die Vielzahl unterschiedlicher Tier- und Menschenköpfe mit ihren zum Teil stark fratzenartigen Verzerrungen machen die Besonderheit der Fassadenzier des Hauses aus, die durch den schlichten, 1735 errichteten barocken Mittelrisalit in ihrer Einheitlichkeit gestört ist.

 

Die langgestreckten Ökonomiegebäude, die heute die südliche Insel mit der Hauptzufahrt zum Schloss zu beiden Seiten flankieren, wurden um 1718 von Hermann Werner von Schorlemer und seiner Frau Antonia Christiane von Brabeck zu Hemmeren errichtet. Der barocke Ausbau der Grabenanlagen erfolgte bis 1724 unter der Leitung eines Peter Pictorius, der möglicherweise ein Verwandter des bekannten Baumeisters Gottfried Laurenz Pictorius war. Zunächst wurden auf der Vorburg drei Gebäudetrakte errichtet. Zwischen den noch heute vorhandenen eingeschossigen Bruchsteingebäuden, deren einzige Bauzier die Sandsteinlaibungen der Fenster und Türen sind, befand sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts noch ein dritter Gebäudeflügel. Dieser zweigeschossige Bau diente als Torhaus und schloss die Gesamtanlage zum Dorf hin ab.

 

1735 bis 1749 ließ derselbe Hermann Werner von Schorlemer das Haupthaus weitgehend umbauen. Der in der Mitte der Hauptfassade befindliche Risalit wurde zum Hof hin weiter vorgezogen und mit einem neuen Hauptportal versehen. Dahinter errichtete man ein neues Treppenhaus, das man mit neuen Stuckdecken versah, die noch immer vorhanden sind. Gleichzeitig entstand auch die Inneneinrichtung des großen Saales im Erdgeschoss und der Kapelle im südlichen Turm. Die Raumstruktur des Hauses wurde wohl auch zu dieser Zeit weitgehend verändert. Heute verfügt das Gebäude über zwei Zimmerfluchten entlang der Traufseiten. Alle Räume sind durch Türen verbunden, die den Durchblick durch die ganze Gebäudetiefe ermöglichen. Diese sogenannte Enfilade ist ein typisches Gliederungselement barocken Bauens und dürfte daher in ihrer heutigen Form auch 1735 entstanden sein. Auch die Verbindungsbrücken zwischen den Inseln wurden zu dieser Zeit neu errichtet. Den Abschluss dieser umfangreichen Neuausstattung mit barocken Decken, Wandverkleidungen und Böden bildet die neue Stuckdecke im Rokokosaal, die 1749 hier eingebaut wurde. Die Decke wird durch einen Unterzug in zwei Teile untergliedert. Das rechteckige Deckenfeld zum Hof ist der Jagd und dem Krieg gewidmet. Es zeigt in einer von Ohrmuschelwerk, Pflanzenranken und Rosen verzierten Rocaille den römischen Gott des Handels Mercur mit seinem Schlangenstab. In den vier Ecken findet man Darstellungen der römischen Götter Mars (Kriegsgott), Justitia (Gerechtigkeit), Diana (Jagd) und Neptun (Meer/Seefahrt). Dazwischen befinden sich unterschiedliche Jagd- und Fabelszenen. Das zweite Deckenfeld zeigt in der Mitte Ceres, die römische Göttin des Ackerbaus. Die Bilder am Rand der Decke zeigen dementsprechend ländliche Szenen, die sich mit Acker- und Gartenbau beschäftigen.

 

Weitere Veränderungen am Haus wurden erst im 19. Jahrhundert vorgenommen. 1835 wurde wiederum ein neues Treppenhaus eingebaut, das bis heute vorhanden ist. 1840 wurden die Plastiken auf den Brückenpfeilern aufgestellt. 1850 riss man das alte Torhaus und die Mühle ab, die im folgenden Jahr 1851 neu errichtet wurde und sich bis heute am Ort nordwestlich des Haupthauses befindet. Zu dieser Zeit wurde auch dem 1735 errichteten Risalit ein neuer Giebel aufgesetzt, dessen Voluten, Schuppenbänder und Obelisken an die Originalbauzeit erinnern sollen. Gleichzeitig wurde auch das gesamte Dach erneuert. Die Dachfläche wurde höhergelegt und die Traufe mit einem breiten Fries aus Ziegeln erhöht, der noch heute in seinem seltsamen Kontrast zur ansonsten verputzten Fassade des Hauses seht.

 

Das Haus diente bis zum Zweiten Weltkrieg der Familie von Schorlemer als Wohnsitz. 1945 zogen die Hedwigschwestern ein und betrieben hier bis 1959 ein Kinderheim und eine Volksschule. Nachdem das Haus von 1959 bis 1962 leer gestanden hatte, wurde hier das noch heute bestehende Gymnasium Schloss Overhagen eröffnet.

 

Informationen zur Tagesexkursion am 8. September 2012 nach Bad Driburg

Bad Driburg - Herausforderungen der Stadtentwicklung

Wie stellt sich eine über 700 Jahre alte, ländlich geprägte Kleinstadt, die auch Kurort ist und in der Nähe der Großstadt Paderborn liegt, den Herausforderungen des demographischen Wandels und den veränderten Wohn- und Wirtschaftsstrukturen der Gegenwart?

Welche konzeptionellen Planungen werden erstellt, welche Leitbilder entwickelt, welche Anstrengungen in der Gestaltung des Stadtbilds unternommen, um den strukturellen Widrig?keiten des ländlichen Raums zu begegnen, deren Nachteile vielleicht sogar in Vorteile umzumünzen?

Diesen Fragen soll im Rahmen einer Tagesexkursion nach Bad Driburg nachgegangen werden. An ausgewählten Stationen vor Ort, die allesamt auch touristische Highlights sind (im Jahre 2008 wurde Bad Driburg als bester Touristikstandort in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet!), werden beispielhaft die Stadtentwicklung Bad Driburgs dargestellt und mögliche Zukunftskonzepte aufgezeigt.

Die Leitung der Fahrt hat Hermann Großevollmer, der in Bad Driburg wohnt und dort ehren?amtlicher Stadtheimatpfleger ist.

Hermann Großevollmer ist außerdem gebürtiger Lippstädter und seit einiger Zeit Mitglied des Beirats des Heimatbundes (die Red.).

Dr. Reinhold Schneider, Lippstadt: Neues zur Geschichte des Stadtmuseums (Teil 2)

(Fortsetzung des Beitrags in Mitteilungen Nr. 20 vom Nov. 2010)

Der mittlere, älteste Bauteil war bis 1958 durch einen kreuzförmigen Flur in vier Teile unterteilt. Eine Zeichnung von Marie Steinbecker zeigt einen Blick nach Norden. Rechts ist noch der 1958 verkleinerte Kamin zu sehen, im hinteren Teil die heutige, ursprünglich für die Dienstboten errichtete Treppe und links daneben befindet sich noch ein Raum, der inzwischen dem Foyer zugeschlagen wurde.

Die Bel Etage wurde 1770 vollständig umgestaltet. Lediglich eine ältere Querwand, die zur Aussteifung des Gefüges notwendig war, blieb erhalten und weist noch heute auf die Dreiteilung des Hauses hin. Alle anderen Wände wurden erst 1770 errichtet, um die heutige Raumgliederung zu schaffen.

Die Räume im nördlichen und mittleren Teil der Bel Etage wurden 1770 mit aufwendigen Stuckdecken versehen, die wohl als Werkstattarbeit der Gebrüder Metz aus Attendorn anzusehen sind, die nach 1767 die Jesuitenkirche in Büren ausgestattet haben. Das aufwendige Programm der Decken weist zwar auf einen künstlerisch versierten Stuckateur hin, die Ausführung ist jedoch im Vergleich zum Stuck der Bürener Jesuitenkirche weitaus weniger filigran und somit wohl nicht vom Meister selbst ausgeführt worden. Der Stuck in den Repräsentationsräumen des mittleren und nördlichen Bauteils weist eine einheitliche Formensprache auf. Alle Räume zeigen ein aufwendig gestaltetes Mittelfeld mit fast vollplastischen Rocaillen und Blüten- oder Blattranken. Die umlaufenden Stuckprofile sind je nach der Größe der Räume an den Ecken oder zusätzlich in der Mitte der Längswände unterbrochen. Sie gehen in fließenden Übergängen in vollplastische Ranken und Rocaillenfelder über. Dies zeigt deutlich den Formwillen des Rokoko mit der Auflösung der strengeren geometrischen Form in naturalistisch überhöhtes Rankenwerk.

Im Gegensatz zu den gleichartigen Decken im mittleren und nördlichen Teil der Bel Etage zeigt die Decke im südwestlichen Raum ein leicht verändertes Formempfinden. Hier sind die Ranken nicht länger vollplastisch, sondern flacher an die Decke stuckiert. Außerdem lösen sich hier die Profilrahmen der Decke und der so im übrigen Haus nicht zu findenden Medaillons nicht mehr in Rankenwerk auf, sondern bilden geschlossene Formen, die lediglich von wenigen Ranken überformt werden.

Diese Form der Deckenstuckierung weist schon deutlich in eine spätere Zeit, das Biedermeier. Möglicherweise ist diese Decke erst beim Umbau nach 1828 stuckiert worden, in der auch die übrigen Decken des südlichen Bauteils ihre Stuckprofile erhielten.

Durch die vollständige Umgestaltung des Obergeschosses zu Repräsentationsräumen entstand 1770 offensichtlich die Notwendigkeit, zusätzlichen Lagerraum zu schaffen. So wurde nach der Verlängerung des Hauses nach Süden dem Gebäude ein flacheres Speichergeschoss aufgesetzt. Wie eine dendrochronologische Probe zeigte, wurde das gesamte Geschoss ab 1828 vollständig umgebaut. Erst zu diesem Zeitpunkt entstanden die heutigen Trennwände, die alle nur auf die Deckenbalken über den Stuckdecken des Obergeschosses aufgestellt wurden und in keinem Bezug zur Raumstruktur des unteren Geschosses stehen. Aus Teilen anderer Treppen wurde die heutige einläufige Treppe eingebaut. Bauherr war Arnold Meuser, der das Haus 1799 von den Erben Roses erworben hatte und es nun dem Zeitgeschmack des frühen 19. Jahrhunderts anpasste.

Wie die aufwendigeren Stuckprofile an den Decken der Räume im nördlichen Teil zeigen, wurden hier Wohnräume gehobenen Standards eingebaut. Die Räume im mittleren und südlichen Teil wurden zwar auch verputzt, aber nur mit einfachen Stuckvouten versehen und dienten wohl als einfachere Wohnräume möglicherweise für Dienstboten. Alle Flure erhielten eine farbige Fassung in Form unterschiedlich aufwendig gestalteter Rahmen und Begleitstriche, die fast vollständig unter dem heutigen Putz erhalten blieben.

Das Dachwerk besteht aus 16 Vollgespärren mit einer ungewöhnlichen Zählung des Abbundes (Jedes Gespärre erhält auf dem Abbundplatz eine Zahl, damit der Zimmermann weiß, welche Hölzer wohin kommen sollen). So sind alle Balken mit einer Zählung versehen, die am nördlichen Giebel mit I beginnt und an einem Versprung, der den Beginn des südlichen Anbaus markiert, mit X aufhört. Südlich davon beginnt die Zählung neu mit I und endet am südlichen Giebel mit IIII. Trotz dieser Unterschiede in Abbund und Verzimmerung brachte eine dendrochronologische Untersuchung die Erkenntnis, dass das gesamte Dachwerk in einer Bauphase wohl 1769/70 errichtet worden ist.

Die Räucherkammer und die Treppen zum Dachraum und Spitzboden wurden beim Umbau des zweiten Obergeschosses 1828 hier eingebaut. Zu dieser Zeit sind wahrscheinlich auch die Halbwalme entstanden, die auf dem 1776 von Roscher gezeichneten Plan, der das Haus kurz nach der durchgreifenden Renovierung 1770 zeigt, noch nicht vorhanden sind.

Zwar sind noch immer einige Fragen offen, die während eines möglichen Umbaus noch geklärt werden können. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das Palais Rose fast vollständig ein Repräsentationsbau des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit kleineren Veränderungen aus dem 19. Jahrhundert ist. Die technischen Probleme zu schildern, die diese Umbauten noch heute verursachen, würde den Rahmen sprengen und wird an anderem Ort ausführlich geschehen.

Lippstadt-Piura - Lippstädter machen Peru

„Peru machen" oder „Amerika machen" sagte man früher, wenn jemand mit der Absicht auswanderte, Karriere zu machen. So beschreibt es Carlos Schäfer, Kind in der dritten Generation der aus Lippstadt stammenden Familie Schäfer, in seinen Aufzeichnungen.
Auslöser der hier niedergeschriebenen Geschichte über Lippstädter Auswanderer nach Peru waren die immer wieder im Schülerverzeichnis der Ostendorfschule auftauchenden Namen von peruanischen Schülern und der Hinweis in der Ostendorf'schen Familiengeschichte, dass der Schwager von Julius Ostendorf, Friedrich Hilbck, Kaufmann und Konsul in Piura / Peru war, ebenso wie Walter Ostendorf, der älteste Sohn des Lippstädter Realschuldirektors.
Schäfer, Hilbck und Ostendorf zogen andere Lippstädter nach: Ebentreich, Nolte, Sommerkamp und Gaffron.

Deutschland und andere Länder der „alten Welt" hatten zwischen 1830 und 1913 eine Emigrationswelle zu verzeichnen, bei der mehr als 6 Millionen Menschen Deutschland verließen, davon mehr als die Hälfte zwischen 1861 und 1913. Gründe waren das sprunghafte Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert und die fortschreitende Industrialisierung mit einer großen Landflucht wegen zunehmender Erwerbsschwierigkeiten im ländlichen Bereich. Der Lippstädter „Patriot" widmete diesem Gesellschaftsproblem im Februar und März 1856 eine dreiteilige Artikelserie, in der er vor den unangenehmen Folgen einer unbedachten Auswanderung warnte, besonders wenn man die zentral- oder südamerikanischen Länder zum Ziele nimmt. Warum Friedrich Hilbck, Walter Ostendorf, Carl Schäfer und andere Lippstädter knapp 20 Jahre später auswanderten, bleibt bisher ungeklärt, jedenfalls ließen sie sich von den düsteren Weissagungen der Presse nicht beeindrucken.

Einigen älteren Lippstädtern und Lippstädterinnen mag der Begriff „Villa Peru" für die Villa Hilbck, Lippertor Nr. 6, noch geläufig sein. Das vom Architekten Friedrich Ostendorf 1898 erbaute Haus wurde 1972 abgerissen, um der Hauptpost Platz zu machen. „Villa Peru" war eine Anspielung auf die Kontakte mit dem südamerikanischen Land.

Deutsche Bildung als „Exportschlager"
Die im bereits erwähnten Schülerverzeichnis der Ostendorfschule auftauchenden Peruaner waren die Kinder der Lippstädter Auswanderer und ihrer befreundeten peruanischen Familien. Sie wurden nach Lippstadt geschickt und waren teils bei Verwandten oder gut situierten Gastfamilien untergebracht. Die preußische Schulbildung sollte ihnen als Sprungbrett für eine spätere Karriere im eigenen Land dienen.

Unter der laufenden Nummer 223 wird der Sohn von Friedrich und Clara Hilbck, Emil (Emilio) Hilbck, im Schülerverzeichnis geführt: geboren 1877 in Piura, katholisch, machte er sein Abitur Ostern 1896. Emilio wurde Großgrundbesitzer und führte 1934 „die Baumwolle PIMA in Peru wieder ein und säte sie mit Hilfe von Bewässerungssystemen in der Wüste von Piura". Unter der Nr. 366 wurde Ostern 1890 Manuel Helguero y Seminario in die Sexta eingeschult, geboren 1879 in Piura, katholisch. Manuel machte Ostern 1898 sein Abitur. Im Jubiläumsheft Bd. 2 der Ostendorfschule von 1901 steht, dass Manuel H. als Jurist in Lima tätig ist.

Etliche der ausgewanderten Lippstädter und der peruanischen Schüler blieben „ihrer Schule" verbunden. So schickten Dr. med. Cueva u. a. telegraphische Grüße und Glückwünsche zur 50-Jahr-Feier der Ostendorfschule am 22. und 23. Mai 1901. Aus den Schulberichten jener Zeit geht ebenfalls hervor, dass die naturwissenschaftliche Sammlung der Lippstädter Schule durch zahlreiche gestiftete südamerikanische Exponate, die heute noch existieren, „großherzig" bereichert wurde.

Fritz (Friedrich) Hilbck hatte 1922 mit einer Spende seine Vaterstadt erfreut. Unter der Überschrift „Eine hochherzige Spende" erschien im „Patriot" vom 27.08.1922 folgende Mitteilung: „Herr Konsul F. Hilbck aus Piura (Peru), ein geborener Lippstädter, teilt dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses für die Altershilfe mit, dass er ihm 80.000 Mark für die Zwecke der Lippstädter Altershilfe überweisen werde. Dem edelen Menschenfreund sei auch an dieser Stelle für seine reiche Gabe herzlichst gedankt. Wieviel Not und Armut wird damit beseitigt werden können? ... "

Die Lippstädter Öffentlichkeit hielt ebenfalls Kontakt zu ihren „Peruanern". Am 05.07.1927 begrüßte Oberst Mercklinghaus in seiner Rede zur Jahrhundertfeier des Lippstädter Schützenvereins "[...] den Sohn eines alten Gönners unserer Heimat, den Schulfreund vieler Schützen, Herrn Carlitos Schäfer aus Piura (Südamerika), dem das Deutschtum im Auslande viel verdankt." Am 31.10.1939 berichtete der Patriot: „Seinen 70. Geburtstag feiert heute der aus Lippstadt gebürtige Konsul a.D. Walter Ostendorf, der das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo sein Vater als Professor wirkte, besuchte. Konsul a. D. Ostendorf hat lange Zeit als deutscher Konsul in Paita in Peru gewirkt und lebt seit 1930 in München. Zum hohen Geburtstag herzlichen Glückwunsch."

Ein besonders interessantes Kapitel in dieser Auswanderergeschichte schrieb Alfred Ebentreich. Geboren wurde er am 17.01.1908 in Lippstadt, sein Vater, Franz Ebentreich, war Tischlermeister und Möbelhändler. Alfred besuchte das Ostendorf-Realgymnasium, wo er 1928 die Reifeprüfung ablegte. 1931 ging er im Alter von 23 Jahren wegen der schwierigen Wirtschaftslage in Deutschland nach Piura, um dort als Privatlehrer bei den deutsch-piuranischen Familien zu arbeiten. In erster Linie handelte es sich dabei um die Unterrichtung der Kinder von Joseph (José) Arens mit der seit 1919 verheirateten Ostendorf-Tochter Eleonore (Nori). Diesen Job hatte ihm Walter Ostendorf vermittelt, bei dem sich – einem Briefkonzept nach – Alfred herzlich bedankt, dem er aber gleichzeitig auch von seinen Schwierigkeiten erzählt, dass er keinen familiären Anschluss habe, ein Beitritt zum „Klub" für ihn zu teuer sei und seine Spanischkenntnisse noch ungenügend seien.

Nach seiner Zeit als Hauslehrer begann Alfred ein Studium in Lima, bis es in den Jahren 1932-34 zu innenpolitischen Unruhen kam und die wichtigsten peruanischen Universitäten geschlossen wurden. Alfred Ebentreich kam auf die Idee, jungen Peruanern ein Studium in Deutschland zu vermitteln. Er setzte sich mit der Ludwig-Maximilian-Universität in München in Verbindung, die ihm eine Reihe von Stipendien zusagte. Was ihm dabei nicht klar zu sein schien, war das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. General Faupel, der Leiter des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin, war sehr daran interessiert, junge Lateinamerikaner in Deutschland auszubilden. Sie sollten später als Multiplikatoren der Nazi-Ideologie in ihren Heimatländern dienen. Im Patriot vom 22.12.1933 erschien unter der Überschrift „Professor Ebentreich wieder nach Peru abgereist" folgender Kurzbericht: „Unser Mitbürger, der jugendliche Professor Alfred Ebentreich, verließ gestern nach zweimonatigem Aufenthalt in Deutschland wieder Lippstadt, um über Frankreich und Spanien nach Peru zurückzukehren. Er wird dort die von ihm in die Wege geleitete Studentenexpedition nach Deutschland organisieren, um dann im März des kommenden Jahres mit jungen peruanischen Studenten nach hier zurückzukehren. Herr Ebentreich handelt im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt, der Reichsleitung der NSDAP und dem Propagandaministerium, und auch seine Heimatstadt und mit ihr das ganze neue Deutschland wünscht ihm zu diesem kulturpolitisch bedeutsamen Unternehmen vollen Erfolg."

Seine Studenten wurden zuerst in Lippstadt im Hause Ebentreich in der damaligen Karl-Sattler-Straße begrüßt, anschließend mit großartigen Ehren in Hamburg und München empfangen und es wurde ihnen in München, ihrem Studienort, sogar ein Haus zur Verfügung gestellt, das sog. „Peru-Haus". Die peruanische Regierung erklärte Alfred Ebentreich zum Ehrenkonsul in München, mit dem Geschäftsbereich Bayern, und zum Leiter des „Peru-Hauses". Doch politisch lag er nicht „auf der Linie" der Nationalsozialisten, sodass er sich Anfang 1936 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Deutschland nach Peru absetzte. Von Bord seines in Bremerhaven ausgelaufenen Schiffes schickte er eine letzte Postkarte an seine Familie in Lippstadt, die er nie wieder sehen sollte. General Faupel gab derweil der AO-NSDAP die Empfehlung, Ebentreich auch in Peru überwachen zu lassen. Dort heiratete er eine Peruanerin, bekam einen Sohn und arbeitete als Schulleiter. Nach Ausbruch des Krieges wurde er jedoch verdächtigt, ein Spion der Achsenmächte zu sein, und ständig von einem entlegenen Provinzort in den nächsten versetzt. In dem Ort San Pedro de Lloc erkrankte er schwer und nahm die lange Busreise zu Frau und Kind nach Lima auf sich, wo er wenige Tage später am 07.09.1944 starb.
Sein Sohn (1938) und Enkel (1975) – beide heißen Alfredo Ebentreich – leben heute noch in Lima und haben regelmäßigen Kontakt zu ihren Verwandten in Deutschland.

Bei einer Reise nach Peru im Jahre 2009 hatte ich das große Vergnügen, mit der Familie Kurt Arens Ostendorf in Lima Nachfahren der Lippstädter kennen zu lernen. Angeregt durch meine Nachforschungen haben sich Kurt Arens und Alfredo Ebentreich, der Sohn seines früheren Hauslehrers Alfred Ebentreich, inzwischen kennengelernt. Außerdem habe ich mich mit Frau Diana Millies getroffen, einer Kollegin von der deutschen Humboldtschule in Lima, die gleichzeitig ein kleines Archiv über die deutschen Auswanderer besitzt. Sie hat die peruanischen Daten zu dieser Geschichte beigesteuert. Zeugnisse der damaligen Zeit habe ich vor allem auch in Piura gefunden, wo ich den Sohn von Kurt Arens, Kurt Walter, getroffen habe.
Michael Morkramer, Lippstadt
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