Vergessene Orte

Das Torwärterhaus

Autor: Dr. Heinrich Münz
Ein „vergessener Ort“ regelt seit dem 18. Jahrhundert bis heute den Verkehr in Richtung Soest. Nach dem Schleifen der westlichen Festungsöffnung an der Umflut 1765 übte dieses Haus spätestens seit 1773 eine Stadteingangsfunktion aus, denn hier wohnte der städtische Torwärter. Das nun über 240 Jahre alte, bemerkenswerte und wertvolle Fachwerkhaus hält treu und tapfer seinen Platz, auch in der modernen Verkehrswelt. Durch weitsichtiges und kulturschätzendes Engagement Lippstädter Bürger in den 1980ger Jahren vor dem Abriss bewahrt, kann dieses denkmalgeschützte Kleinod Lippstadts weiterhin von der stolzen Stadtgeschichte künden und den alten Stadtausgang bewachen. Mit seiner einfachen, ästhetisch klassischen Fensterfront und der fast etwas aristokratischen Eingangstür strahlt es einen einnehmenden beruhigenden Reiz aus, wirkt im täglichen turbulenten Verkehrsumfeld irgendwie entschleunigend. Das alte und neue Lippstadt prallen hier aufeinander und merkwürdigerweise in einer befriedigenden Harmonie.

Und verkehrsbezogen bleibt hier nicht nur das Umfeld. Das Torwächterhaus beherbergt heute Eisenbahngeschichte und Modellbahn-Sammlung des Vereins der Lippstädter Eisenbahnfreunde e.V. und wird auch durch ihn gepflegt. Damit ist dieses Haus innen wie außen geschichtsträchtig!

 

St. Annen im Rosengarten


„….wo die Süsters wohnten“
St. Annen im Rosengarten (Klosterstraße)


Hinter einer schönen Bruchsteinmauer an der Klosterstraße liegt ein lauschiger „ummauerter“ Ort im westlichen Kernstadtbereich. Niedrige Bruchsteinfundamente, zwei Brunnen, einem Rosengarten und ein Platanendach strukturieren diesen vergessenen Ort. Vor fast 600 Jahren tauchte die Fläche, westlich angrenzend an das Nicolaiviertel, aus dem Dunkel der Geschichte auf und wurde zum Stadtareal, wo die „Süsters“ wohnten. Noch im historischen Stadtplan von Roscher 1776 hieß die heutige Klosterstraße „Süster Straße“ (Schwestern Straße).
„Schwestern vom gemeinsamen Leben“ gründeten hier – unter Vermittlung des Abtes Arnt von Holt vom Kloster Böddeken - 1435 eine frühe Art von weiblicher Wohnkommune. In für mittelalterliche Frauenverhältnisse bemerkenswerter Eigenständigkeit versuchte diese Gemeinschaft den Unbilden und Zwängen der Zeit ein wenig zu trotzen. Die Form von Schwesterngemeinschaft ging einher mit einer am Ende des 14. Jhds. sich ausbreitenden Frömmigkeitsbewegung (Devotio moderna). Frauen lebten hier „nur durch ihrer Hände Arbeit“ und dem Verkauf selbst erzeugter Waren. Sie strebten nach dem Ideal einer inneren Frömmigkeit mit am Evangelium orientierter Lebensweise, aber ohne Ordensgelübte, Ordenstracht und festem räumlichen Einschluss, nicht unähnlich der schon ein Jahrhundert früher auch in Lippstadt zu findenden Beginenbewegung („Bagginis“ genannt in Lippstädter Urkunden).
Städtische Obrigkeit sah dieses Frauenleben zumindest so kritisch, dass sie in der Stiftungsurkunde (1435; Oktav nach Fronleichnam) sehr detaillierte Vorschriften zur Lebensführung festschrieb und restriktiv den „Handels- und Handlungsrahmen“ bestimmte. Mitte des 15. Jhd. beendete klerikaler Herrschaftsdruck das reformreligiöse Experimentalfeld durch die feste Ordensregel der Augustiner mit kirchlicher Oberaufsicht (11. November 1453; Dietrich von Moers, Erzbischof von Köln). So entstand Lippstadts kleinstes Kloster mit dem letzten mittelalterlichen Sakralbau unter dem Patronat der heiligen Anna. Zur ersten Kapelle existiert eine Papsturkunde, erstellt am 3. Januar 1469 in Rom. Darin erteilt Papst Paul II. den Besuchern der „Kapelle der hl. Anna im Beginenhause zu Lippstadt“ für bestimmte Tage einen Ablass von fünf Jahren und fünf Quadragenen (kirchliches Zeitmaß einer Bußleistung). Am 2. August 1528 erhielt die zur spätgotischen Kirche erweiterte Kapelle (Abbildung links aus dem Stadtplan von Johann Peter Roscher 1776) die Altarweihe.
Die Reformation ging mit St. Annen tolerant um, Kloster und Kirche blieben letzte katholische Zuflucht in der Stadt bis ins 19. Jahrhundert. Ab 1819 verschwanden Gebäude und Sakralbau als Baumaterial und geben wahrscheinlich noch heute einigen Lippstädter Häusern Halt.
Der „Erdschlaf“ dieses vergessenen Ortes endete 1983 durch wissenschaftliche Grabungen, Fundamentsicherung (Bilder links)und einer parkähnlichen Gestaltung. Es entstand ein (meist) ruhiger grüner Ort in der Innenstadt, an schönen Sommertagen sogar mit spirituellem Flair. Auch die Hunde des Wohnviertels sowie Freunde des Hanfrausches schätzen den schützenden grünen Mantel von St. Annen. Toleranz gehört anscheinend hier nicht nur zur Geschichte.


Weitere Information:
Hergemöller, B-U. (1985) Stadt und Kirche im Mittelalter. In Ehbrecht W. (Hrsg.) Lippstadt - Beiträge zur Stadtgeschichte (1985). Publ.: Stadt Lippstadt, Laumanns Druck und Verlagsgesellschaft mbH Lippstadt, S. 142 – 134.
Schneider, M. (1983) Erste Ergebnisse der Ausgrabungen von St. Annen-Rosengarten. In: Heimatblätter 63, S. 25-32.
Windolph A. (1913) Urkunden zur Geschichte des Klosters St. Annen Rosengarten in Lippstadt. Laumanns Druck Lippstadt.
Diller J. (2010) Die Beginen – Eine Sonderform weiblichen Zusammenlebens im Mittelalter. In: Lippstädter Spuren 23, S. 161 – 164.


Copyright © 2016 H. Münz B. Birkert – Vergessene Orte
(Ausschnitt aus der Zeichnung Bauch1836)