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Lippstadt-Piura - Lippstädter machen Peru

„Peru machen" oder „Amerika machen" sagte man früher, wenn jemand mit der Absicht auswanderte, Karriere zu machen. So beschreibt es Carlos Schäfer, Kind in der dritten Generation der aus Lippstadt stammenden Familie Schäfer, in seinen Aufzeichnungen.
Auslöser der hier niedergeschriebenen Geschichte über Lippstädter Auswanderer nach Peru waren die immer wieder im Schülerverzeichnis der Ostendorfschule auftauchenden Namen von peruanischen Schülern und der Hinweis in der Ostendorf'schen Familiengeschichte, dass der Schwager von Julius Ostendorf, Friedrich Hilbck, Kaufmann und Konsul in Piura / Peru war, ebenso wie Walter Ostendorf, der älteste Sohn des Lippstädter Realschuldirektors.
Schäfer, Hilbck und Ostendorf zogen andere Lippstädter nach: Ebentreich, Nolte, Sommerkamp und Gaffron.

Deutschland und andere Länder der „alten Welt" hatten zwischen 1830 und 1913 eine Emigrationswelle zu verzeichnen, bei der mehr als 6 Millionen Menschen Deutschland verließen, davon mehr als die Hälfte zwischen 1861 und 1913. Gründe waren das sprunghafte Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert und die fortschreitende Industrialisierung mit einer großen Landflucht wegen zunehmender Erwerbsschwierigkeiten im ländlichen Bereich. Der Lippstädter „Patriot" widmete diesem Gesellschaftsproblem im Februar und März 1856 eine dreiteilige Artikelserie, in der er vor den unangenehmen Folgen einer unbedachten Auswanderung warnte, besonders wenn man die zentral- oder südamerikanischen Länder zum Ziele nimmt. Warum Friedrich Hilbck, Walter Ostendorf, Carl Schäfer und andere Lippstädter knapp 20 Jahre später auswanderten, bleibt bisher ungeklärt, jedenfalls ließen sie sich von den düsteren Weissagungen der Presse nicht beeindrucken.

Einigen älteren Lippstädtern und Lippstädterinnen mag der Begriff „Villa Peru" für die Villa Hilbck, Lippertor Nr. 6, noch geläufig sein. Das vom Architekten Friedrich Ostendorf 1898 erbaute Haus wurde 1972 abgerissen, um der Hauptpost Platz zu machen. „Villa Peru" war eine Anspielung auf die Kontakte mit dem südamerikanischen Land.

Deutsche Bildung als „Exportschlager"
Die im bereits erwähnten Schülerverzeichnis der Ostendorfschule auftauchenden Peruaner waren die Kinder der Lippstädter Auswanderer und ihrer befreundeten peruanischen Familien. Sie wurden nach Lippstadt geschickt und waren teils bei Verwandten oder gut situierten Gastfamilien untergebracht. Die preußische Schulbildung sollte ihnen als Sprungbrett für eine spätere Karriere im eigenen Land dienen.

Unter der laufenden Nummer 223 wird der Sohn von Friedrich und Clara Hilbck, Emil (Emilio) Hilbck, im Schülerverzeichnis geführt: geboren 1877 in Piura, katholisch, machte er sein Abitur Ostern 1896. Emilio wurde Großgrundbesitzer und führte 1934 „die Baumwolle PIMA in Peru wieder ein und säte sie mit Hilfe von Bewässerungssystemen in der Wüste von Piura". Unter der Nr. 366 wurde Ostern 1890 Manuel Helguero y Seminario in die Sexta eingeschult, geboren 1879 in Piura, katholisch. Manuel machte Ostern 1898 sein Abitur. Im Jubiläumsheft Bd. 2 der Ostendorfschule von 1901 steht, dass Manuel H. als Jurist in Lima tätig ist.

Etliche der ausgewanderten Lippstädter und der peruanischen Schüler blieben „ihrer Schule" verbunden. So schickten Dr. med. Cueva u. a. telegraphische Grüße und Glückwünsche zur 50-Jahr-Feier der Ostendorfschule am 22. und 23. Mai 1901. Aus den Schulberichten jener Zeit geht ebenfalls hervor, dass die naturwissenschaftliche Sammlung der Lippstädter Schule durch zahlreiche gestiftete südamerikanische Exponate, die heute noch existieren, „großherzig" bereichert wurde.

Fritz (Friedrich) Hilbck hatte 1922 mit einer Spende seine Vaterstadt erfreut. Unter der Überschrift „Eine hochherzige Spende" erschien im „Patriot" vom 27.08.1922 folgende Mitteilung: „Herr Konsul F. Hilbck aus Piura (Peru), ein geborener Lippstädter, teilt dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses für die Altershilfe mit, dass er ihm 80.000 Mark für die Zwecke der Lippstädter Altershilfe überweisen werde. Dem edelen Menschenfreund sei auch an dieser Stelle für seine reiche Gabe herzlichst gedankt. Wieviel Not und Armut wird damit beseitigt werden können? ... "

Die Lippstädter Öffentlichkeit hielt ebenfalls Kontakt zu ihren „Peruanern". Am 05.07.1927 begrüßte Oberst Mercklinghaus in seiner Rede zur Jahrhundertfeier des Lippstädter Schützenvereins "[...] den Sohn eines alten Gönners unserer Heimat, den Schulfreund vieler Schützen, Herrn Carlitos Schäfer aus Piura (Südamerika), dem das Deutschtum im Auslande viel verdankt." Am 31.10.1939 berichtete der Patriot: „Seinen 70. Geburtstag feiert heute der aus Lippstadt gebürtige Konsul a.D. Walter Ostendorf, der das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo sein Vater als Professor wirkte, besuchte. Konsul a. D. Ostendorf hat lange Zeit als deutscher Konsul in Paita in Peru gewirkt und lebt seit 1930 in München. Zum hohen Geburtstag herzlichen Glückwunsch."

Ein besonders interessantes Kapitel in dieser Auswanderergeschichte schrieb Alfred Ebentreich. Geboren wurde er am 17.01.1908 in Lippstadt, sein Vater, Franz Ebentreich, war Tischlermeister und Möbelhändler. Alfred besuchte das Ostendorf-Realgymnasium, wo er 1928 die Reifeprüfung ablegte. 1931 ging er im Alter von 23 Jahren wegen der schwierigen Wirtschaftslage in Deutschland nach Piura, um dort als Privatlehrer bei den deutsch-piuranischen Familien zu arbeiten. In erster Linie handelte es sich dabei um die Unterrichtung der Kinder von Joseph (José) Arens mit der seit 1919 verheirateten Ostendorf-Tochter Eleonore (Nori). Diesen Job hatte ihm Walter Ostendorf vermittelt, bei dem sich – einem Briefkonzept nach – Alfred herzlich bedankt, dem er aber gleichzeitig auch von seinen Schwierigkeiten erzählt, dass er keinen familiären Anschluss habe, ein Beitritt zum „Klub" für ihn zu teuer sei und seine Spanischkenntnisse noch ungenügend seien.

Nach seiner Zeit als Hauslehrer begann Alfred ein Studium in Lima, bis es in den Jahren 1932-34 zu innenpolitischen Unruhen kam und die wichtigsten peruanischen Universitäten geschlossen wurden. Alfred Ebentreich kam auf die Idee, jungen Peruanern ein Studium in Deutschland zu vermitteln. Er setzte sich mit der Ludwig-Maximilian-Universität in München in Verbindung, die ihm eine Reihe von Stipendien zusagte. Was ihm dabei nicht klar zu sein schien, war das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. General Faupel, der Leiter des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin, war sehr daran interessiert, junge Lateinamerikaner in Deutschland auszubilden. Sie sollten später als Multiplikatoren der Nazi-Ideologie in ihren Heimatländern dienen. Im Patriot vom 22.12.1933 erschien unter der Überschrift „Professor Ebentreich wieder nach Peru abgereist" folgender Kurzbericht: „Unser Mitbürger, der jugendliche Professor Alfred Ebentreich, verließ gestern nach zweimonatigem Aufenthalt in Deutschland wieder Lippstadt, um über Frankreich und Spanien nach Peru zurückzukehren. Er wird dort die von ihm in die Wege geleitete Studentenexpedition nach Deutschland organisieren, um dann im März des kommenden Jahres mit jungen peruanischen Studenten nach hier zurückzukehren. Herr Ebentreich handelt im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt, der Reichsleitung der NSDAP und dem Propagandaministerium, und auch seine Heimatstadt und mit ihr das ganze neue Deutschland wünscht ihm zu diesem kulturpolitisch bedeutsamen Unternehmen vollen Erfolg."

Seine Studenten wurden zuerst in Lippstadt im Hause Ebentreich in der damaligen Karl-Sattler-Straße begrüßt, anschließend mit großartigen Ehren in Hamburg und München empfangen und es wurde ihnen in München, ihrem Studienort, sogar ein Haus zur Verfügung gestellt, das sog. „Peru-Haus". Die peruanische Regierung erklärte Alfred Ebentreich zum Ehrenkonsul in München, mit dem Geschäftsbereich Bayern, und zum Leiter des „Peru-Hauses". Doch politisch lag er nicht „auf der Linie" der Nationalsozialisten, sodass er sich Anfang 1936 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Deutschland nach Peru absetzte. Von Bord seines in Bremerhaven ausgelaufenen Schiffes schickte er eine letzte Postkarte an seine Familie in Lippstadt, die er nie wieder sehen sollte. General Faupel gab derweil der AO-NSDAP die Empfehlung, Ebentreich auch in Peru überwachen zu lassen. Dort heiratete er eine Peruanerin, bekam einen Sohn und arbeitete als Schulleiter. Nach Ausbruch des Krieges wurde er jedoch verdächtigt, ein Spion der Achsenmächte zu sein, und ständig von einem entlegenen Provinzort in den nächsten versetzt. In dem Ort San Pedro de Lloc erkrankte er schwer und nahm die lange Busreise zu Frau und Kind nach Lima auf sich, wo er wenige Tage später am 07.09.1944 starb.
Sein Sohn (1938) und Enkel (1975) – beide heißen Alfredo Ebentreich – leben heute noch in Lima und haben regelmäßigen Kontakt zu ihren Verwandten in Deutschland.

Bei einer Reise nach Peru im Jahre 2009 hatte ich das große Vergnügen, mit der Familie Kurt Arens Ostendorf in Lima Nachfahren der Lippstädter kennen zu lernen. Angeregt durch meine Nachforschungen haben sich Kurt Arens und Alfredo Ebentreich, der Sohn seines früheren Hauslehrers Alfred Ebentreich, inzwischen kennengelernt. Außerdem habe ich mich mit Frau Diana Millies getroffen, einer Kollegin von der deutschen Humboldtschule in Lima, die gleichzeitig ein kleines Archiv über die deutschen Auswanderer besitzt. Sie hat die peruanischen Daten zu dieser Geschichte beigesteuert. Zeugnisse der damaligen Zeit habe ich vor allem auch in Piura gefunden, wo ich den Sohn von Kurt Arens, Kurt Walter, getroffen habe.
Michael Morkramer, Lippstadt

Die Entstehung der Partnerschaft Uden - Lippstadt

von Stadtdirektor a. D. Friedrich Wilhelm Herhaus
Am 22. Oktober 2011 besteht die Partnerschaft Uden – Lippstadt 40 Jahre. Das ist ein Grund, Rückschau zu halten auf die Zeit vor der Begründung dieser Partnerschaft.

Es begann alles mit einem Besuch des damaligen Beigeordneten der Gemeinde Uden A. C. M. Aldenhuysen am 5. Mai 1970 im Stadthaus Lippstadt bei Bürgermeister Jakob Koenen und bei mir. Er erklärte, dass die Gemeinde Uden sich schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken trage, einer deutschen Stadt die Partnerschaft anzubieten. Er kenne Lippstadt bereits einige Jahre, weil er hier häufig geschäftlich zu tun habe. So sei von ihm der Vorschlag gemacht worden, mit Lippstadt eine Partnerschaft einzugehen. Uden sei eine Stadt in Brabant und habe etwa 23.000 Einwohner.
Jakob Koenen und ich waren sehr überrascht, aber auch sehr erfreut über den gemachten Vorschlag. Wir baten Herrn Aldenhuysen, die Absicht der Gemeinde Uden der Stadt Lippstadt schriftlich mitzuteilen. Dann müssten anschließend der Haupt- und Finanzausschuss und der Rat hierüber beraten und entscheiden. Wir waren außerordentlich angetan von diesem Vorschlag der Gemeinde Uden und wussten ihn besonders zu schätzen, weil die Anregung von den Niederlanden ausgegangen war.

Am 12. Mai 1970 schrieben Bürgermeister Drs. G. Schampers und Sekretär L. L. J. van Hezewijk an die Stadt Lippstadt und bestätigten den Vorschlag des Herrn Aldenhuysen. Am 15. Juni 1970 befasste sich der Haupt- und Finanzausschuss mit der vorgeschlagen Partnerschaft und beschloss, den Bürgermeister, ein weiteres Ratsmitglied und den Stadtdirektor zu beauftragen, Uden zu besichtigen und ggf. die Vertreter der Gemeinde Uden zu besuchen.
Am 23. Juni 1970 fuhren Bürgermeister Jakob Koenen, Frau Hildegard Rösler, Mitglied des Rates der Stadt Lippstadt, und ich aufgrund des Beschlusses des Haupt- und Finanzausschusses nach Uden. Die Besichtigung ergab, dass Uden eine stark aufstrebende Gemeinde war, die in den vergangenen Jahren erhebliche Leistungen vollbracht hatte. So wurden insbesondere zahlreiche Wohngebiete mit großen Grünanlagen festgestellt. Auch auf dem Gebiet des Schulbaus, der Schaffung von Sportanlagen und Gewerbegebieten hatte die Gemeinde viel geleistet. Das Stadtzentrum war in einer guten Entwicklung. Die Modernisierung war deutlich erkennbar.

Nach unserer Besichtigung suchten wir das Rathaus von Uden auf. Als wir den Eingangsbereich betraten, sahen wir einen Herrn der einige Akten vor sich hatte und diese einsah. Ich fragte ihn: „Sprechen Sie deutsch?“ Die Frage beantwortete er mit: „Ja!“ Die nächste Frage meinerseits war, „Wo können wir Ihren Bürgermeister erreichen?“ Antwort: „Er steht vor Ihnen!“ Jedermann kann sicher nachvollziehen, wie sehr wir alle geschmunzelt haben. Dann sprachen wir mit ihm über die beabsichtigte Partnerschaft zwischen Uden und Lippstadt. Nach einem interessanten und aufschlussreichen Gespräch sagten wir Herrn Schampers zu, demnächst wieder nach Uden zu kommen und die Gemeinde zu besuchen. Wir baten aber auch um einen Gegenbesuch.

Nach Beratung im Haupt- und Finanzausschuss beschloss der Rat der Stadt Lippstadt am 21. September 1970 einstimmig, mit der Gemeinde Uden ein Partnerschaftsverhältnis anzustreben. Eine Lippstädter Delegation sollte demnächst Uden einen offiziellen Besuch abstatten. Dieser Beschluss wurde am 26. Oktober der Gemeinde Uden mitgeteilt. Die Gemeinde Uden antwortete am 6. Dezember 1970 und bedankte sich erfreut über den Beschluss des Rates der Stadt Lippstadt.
Sodann wurde als Besuchstermin der 24. März 1971 mit Uden vereinbart. Die Lippstädter Delegation sollte aus folgenden Personen bestehen:

Bürgermeister Koenen
Die Ratsmitglieder Schlepphorst, Hoffacker
Stadtdirektor Herhaus
Verkehrsdirektor Bünker

Am 24. März 1971 besuchte dann die Delegation der Stadt Lippstadt die Gemeinde Uden. Bürgermeister Drs. Schampers begrüßte die Lippstädter Delegation sehr herzlich. Darüber hinaus waren erschienen:

Die Beigeordneten van den Elsen, Aldenhuysen, Martens, Wintjes
Sekretär van Hesewijk
Direktor der Gemeindewerke Andringa
Hauptamtsleiter Heessen

Anschließend wurden das Sportzentrum, der Erholungspark, das Industriegelände, die Wohnzentren und das Einkaufszentrum besichtigt. Die Vertreter Lippstadts waren sehr beeindruckt.
In der abschließenden Besprechung vereinbarte man, die Beziehungen zwischen Uden und Lippstadt zu vertiefen. Nachdem Bürgermeister Koenen vorgeschlagen hatte, im Oktober 1971 eine Niederländisch – Deutsche Herbstwoche in Lippstadt durchzuführen und in dieser die Partnerschaft zu begründen, erklärten sich die Vertreter der Gemeinde Uden sofort bereit, diese Woche mitzugestalten. Die Udener kündigten den Besuch einer Delegation in den nächsten Wochen an. Dieser Gegenbesuch fand am 17. Mai 1971 statt. Anwesend waren Vertreter der Gemeinde Uden unter der Führung von Bürgermeister Schampers und Vertreter der Stadt Lippstadt mit Bürgermeister Koenen an der Spitze. Nach einem Empfang im Rathaus und informatorischen Vorträgen fand eine eingehende Stadtbesichtigung statt. Die Udener verließen dann begeistert nach einem Besuch im Turmstübchen der Brauerei Weissenburg Lippstadt.

Am 22. Oktober 1971 war es dann soweit! In einer gemeinsamen festlichen Ratssitzung erfuhr das von Uden und Lippstadt eingegangene Freundschaftsverhältnis durch den Austausch von Partnerschaftsurkunden eine offizielle Bestätigung. An der Sitzung nahmen zahlreiche Vertreter aus Uden und Lippstadt teil. Die Urkunden hatten niederländischen und deutschen Wortlaut und waren von den jeweiligen Bürgermeistern, dem Udener Sekretär und dem Lippstädter Stadtdirektor unterzeichnet. Die hiesige und die Udener Presse würdigten diesen Festakt als besonderes und herausragendes Ereignis. Der Austausch der Partnerschaftsurkunden zwischen Uden und Lippstadt war von historischer Bedeutung und setzte ein markantes Zeichen. Denn wo sich zwei „Nachbarn“ über die Grenzen hinweg zur gegenseitigen Förderung zusammentun, ist immer eine Öffnung zueinander beabsichtigt und damit der Austausch, die fruchtbare Begegnung zwischen hüben und drüben (so die hiesige Tageszeitung „Der Patriot“). Auch die Zeitung „Brabants Dagblad“ konnte schon im Mai 1971 ausführlich über den Besuch der Lippstädter Delegation berichten. Die Überschrift lautete: „Vereindschapfeest van Uden en Lippstadt in Herbstwoche“.

Nun galt es, die Partnerschaft mit echtem Leben zu erfüllen. Mit großer Genugtuung können wir feststellen, dass dies in den vergangenen 40 Jahren gelungen ist.

Bernhard II. und Lippstadt im

„War Bernhard wirklich der Stadtgründer?", „Sollen wir das Denkmal sprengen?" Mit diesen provokanten Fragen zitierte „Der Patriot" am 14. März 2008 Prof Dr. Jutta Prieur-Pohl, die Herausgeberin eines kurz vorher erschienenen Tagungsbands („Lippe und Livland") mit For­schungsbeiträgen zu den Anfängen des Herrschergeschlechts der Lipper.

Ein „Tabubruch" - oder nicht? Jedenfalls liefert in diesem immer noch hochaktuellen Forschungsband der Herausgeber der zur 800-Jahrfeier Lippstadts 1985 erschienenen Stadtgeschichte, Dr. Wilfried Ehbrecht, mit seinem Beitrag gute Argumente gegen den uns lieb gewordenen Mythos von Lippstadt als ältester Gründungsstadt Westfalens. Auch die Idee von dem Lippstädter Stadtrecht als einem weithin ausstrahlenden Modell für stadtbürgerliche Freiheit sei nicht zu halten. Die Lippstädter müssten sich generell von der Vorstellung eines „Gründungsakts" durch Bernhard II. verabschieden.

Ehbrechts Forschungsanstoß wird der Lippstädter Hermann Großevollmer, Oberstudienrat am Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg, in seinem Vortrag am 4.11.2011, 19:00 Uhr im Rathaussaal aufgreifen und nachweisen, dass die lateinische Versvita Bernhards II., „Lippiflorium" genannt und unter der Autorschaft eines in Urkunden des 13. Jahrhunderts erwähnten magister justinus überliefert, immer schon der Dreh- und Angelpunkt unterschiedlichster Auffassungen über die Frühgeschichte Lippstadts war. Das „Lippiflorium" gilt bis dato als mittelalterliche und damit älteste selbstständige Geschichtsschreibung zum Haus Lippe und wird wie ein Steinbruch passagenweise als authentische zeitgenössische Geschichtsquelle ausgewertet.

Erst neuerdings ziehen die meisten Geschichtswissenschaftler seine Glaubwürdigkeit aufgrund überwiegend textexterner Beobachtungen in Zweifel. In seiner Gesamtheit ist das Werk hingegen bisher noch nie mit modernen literatur- und geschichtswissenschaftlichen Methoden interpretiert worden. Hier nun setzt Großevollmer an. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die Frage nach der „Gebrauchssituation" der „Lippiflorium"-Überlieferung.

Im Rahmen einer Leinwandpräsentation wird der Referent die Lebensbeschreibung Bernhards und die darin enthaltene Erzählung von der Gründung Lippstadts als Legende darstellen und ihre Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart erörtern.

Dr. Reinhold Schneider, Lippstadt: Neues zur Geschichte des Stadtmuseums (Teil 1)

Nicht zum ersten Mal wurde das Stadtmuseum Gegenstand einer historischen Betrachtung. Schon zu Beginn der 1980er Jahre hatte der damalige Museumsleiter Herr Becker die wenigen historischen Quellen zum Haus selbst zusammengetragen und versucht, aus diesen im Zusammenhang mit der allgemeinen Stadtgeschichte eine Geschichte des Hauses zu ent­wickeln. Diese Ausführungen bildeten die Grundlage der neuen bauhistorischen Untersuchung, die zudem noch Fotos der freigelegten Fachwerkfassaden aus dem Jahre 1958 auswertete und verschiedene Balken dendrochronologisch datierte. Darüber hinaus wurden an verschiedenen Stellen im Haus Öffnungen in den Wänden angelegt, mit deren Hilfe die Zusammensetzung des Hauses (das Gefüge) geklärt wurde. Zusammen mit Grundrissen, die die Raumstruktur des Hauses vor dem großen Umbau 1958 zeigten, konnte die Baugeschichte des Hauses weitgehend geklärt werden. 

Bisheriger Forschungsstand / Besitzgeschichte

Bisher ist man davon ausgegangen, dass der Vorgängerbau des heutigen Hauses wie alle anderen Gebäude im Stiftshofen beim großen Stadtbrand 1656 untergegangen ist, um bald danach durch einen Neubau, der zu großen Teilen noch heute vorhanden sein sollte, ersetzt zu werden. Zwar ist in diesem Teil der Stadt fast sicher von einer Bebauung seit dem aus­gehenden Mittelalter sowie kurzfristiger Schließung der Brandlücken nach 1656 auszugehen, ob diese jedoch, was die genaue Lokalisierung und Besitzgeschichte betrifft, in einem Zusammenhang mit dem heutigen Gebäude steht, ist zumindest zweifelhaft.

Die Auswertung der Ansichten des freigelegten Fachwerks ergab, dass das Haus im Erd- und Obergeschoss aus drei unterschiedlich alten Bauzusammenhängen besteht. In der Mitte ist das Fachwerk stockwerkweise verzimmert und bildet den ältesten Baubestand des Hauses, der jedoch im Obergeschoss bei der Neuausstattung im Rokokostil weitgehend verändert wurde. Nur die beiden Außenwände im Osten und Westen zeigen noch diesen ursprünglichen, recht kleinen Baukörper an, der wohl noch im 17. Jahrhundert entstanden ist. Nördlich an diesen mittleren Teil schließt ein Bauteil an, der ungefähr den Bereich des Jahreszeitensaales umfasst. In Ständerbauweise errichtet, wurde er an den mittleren Bauteil angeschlossen. Man kann also mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass dem ursprünglichen Kernbau (wohl noch 17. Jh.) vor der Mitte des 18. Jahrhunderts eine nördliche Erweiterung hinzugefügt wurde. Beide Bauteile zusammen ergeben jedoch ein im Vergleich mit der übrigen Bebauung der Rathausstraße recht kleinen Bau. Es ist daher die Frage, ob die wohlhabende Familie Rose im frühen 18. Jahrhundert überhaupt in diesem Haus gelebt hat, dessen Eigentümer sie sicher war.

Der dritte Fassadenteil schließt über eine auf den Fotos noch deutlich zu erkennende Baunaht im Süden an den mittleren Teil an. Der zweigeschossig in Stockwerkbauweise errichtete Bauteil gehört in die große Umbauphase der Zeit um 1770. In diesem Teil lässt sich das hohe, repräsentative Obergeschoss direkt an der Fachwerkstruktur ablesen. Offensichtlich reichte der Raum, den man beim Umbau zu Repräsentationsräumen im Obergeschoss erhalten hatte, nicht aus und man ließ das Gebäude bis zur Straße verlängern. Zeitgleich mit der Verlängerung wurde auch das zweite Geschoss als Speicherstock aufgesetzt. Nachdem das Haus so seine heutige Größe erhalten hatte, wurde der gesamte Bau verputzt.

Nach den Auswertungen der dendrochronologischen Untersuchungen steht fest, dass das Gebäude unter Verwendung stark veränderter älterer Bauteile weitgehend im Jahre 1770 errichtet wurde. Das heißt, dass anders als bisher vermutet der Bau erst nach dem Siebenjährigen Krieg in heutiger Größe entstand. Eine der Kriegsfolgen könnte jedoch dazu beigetragen haben, dass das Haus seine für bürgerliche Bauten in Lippstadt ungewöhnliche Opulenz erhielt. Im Jahre 1764 ordnete die preußische Regierung die Schleifung der umfangreichen Lippstädter Festungsanlagen an. Die so im Umfeld der Stadt entstandenen Ländereien wurden zum größten Teil von Johann Conrad Rose erworben und in den folgen­den Jahren an einzelne Investoren weiterveräußert. In Anbetracht der Größe der Festung muss dieses Geschäft einen gewaltigen Umfang erreicht haben. Nachdem Rose 1768 die Verkäufe abgeschlossen hatte, war er nicht mehr nur ein reicher Bürger, sondern wohl mit Abstand der reichste Lippstädter seiner Zeit. Daher beginnt er im Jahr nach Ende dieser geschäftlichen Aktivitäten mit dem aufwendigen Umbau seines Hauses zum größten Palais in der Stadt.

Das Innere des Hauses

Wie bei Gebäuden, die vor dem Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden, in Lippstadt üblich, verfügte auch dieses Haus nicht über einen Keller im eigentlichen Sinne. Lediglich der Bereich der heutigen Gästetoiletten, der Garderobe und der Räume östlich der Küche war in zwei Stufen leicht eingetieft und wurde als Lagerraum genutzt.

Eine Zeichnung von Marie Steinbecker vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt noch den tiefsten Kellerraum unter den heutigen Besuchertoiletten. Mit dem Rücken zur Ostfassade stehend zeigt sie dem Betrachter einen Blick durch den Kellerraum. An der gege­nüberliegenden Wand sieht man hier die Untersicht der heutigen Treppe zum ersten Obergeschoss.

Entsprechend der schon an den Traufseiten beschriebenen Dreiteilung des Hauses gliederte sich das Erdgeschoss bis zu den großen Umbauten nach 1958 in drei unterschiedlich gestaltete Bereiche. Der südliche, 1770 angefügte Bauteil zeigt eine dreischiffige Gliederung mit einem breiten, fast deelenartigen Flur, der zu beiden Seiten von jeweils zwei unterschiedlich großen Räumen flankiert wurde. Im hinteren Teil des Flures, im Anschluss an die Trennwand zum mittleren Bauteil, befand sich bis 1958 die Haupterschließung über eine zweiläufige Treppe, die an der östlichen Flurwand entlangführte und in einem schmalen Raum neben dem Kanonensaal endete. Diese Treppe wurde wahrscheinlich erst bei Umbauten in der Zeit um 1829 eingefügt. Zuvor befand sich eine breite barocke Treppe in den östlichen Räumen neben dem Flur. Möglicherweise war ihr Antritt im Flurbereich. Sie führte, wie Störungen im Decken- und Fußbodenaufbau bis heute zeigen, in den südöstlichen Raum des ersten Obergeschosses, der erst später unterteilt wurde und bis 1828 einen repräsentativen Treppenraum bildete.

(Fortsetzung im nächsten Heft)

Ausstellung zum 450. Geburtstag von Anton Praetorius

Der gebürtige Lippstädter Anton Praetorius war für die evangelische Kirche, was der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld auf katholischer Seite war: Mutig und engagiert traten beide gegen die Verfolgung angeblicher Hexen und Zauberer auf. Diese erlebte in den unruhigen Zeiten des 16. und 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Was Praetorius dagegen unternommen hat, ist in einer Ausstellung in der Rathausgalerie Sept./Okt. 2010 zu erfahren. Gestaltet wird die Präsentation von dem Unnaer Pfarrer Hartmut Hegeler, der auch bei der Eröffnung am 03.09.2010, 19.30 Uhr, sprechen wird.

Außerdem werden die Hexenverfolgungen hier in Lippstadt thematisiert. Dabei liegen auch die Prozessakten von 1630 und 1676/77 in einer modernen Abschrift aus.

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